Alltag der Maskenmacher – der erste Lockdown (Teil 2)

alle Fotos: Betty Quast

Quarantäne, Maskennähen, Corona-Alltag

In der Quarantänezeit führten wir eine Stricherlliste, wie im Knast. Zum Glück war keiner von uns krank, und so war die Zeit zuhause nicht so schlimm, wie wir es uns ausgemalt hatten. Überhaupt waren wir froh, endlich wieder als Familie beisammen zu sein, so daß uns das Zuhausebleiben nicht so viel ausmachte, ja bedeutend lieber war, als getrennt zu sein. Langweilig wurde es uns nie. Und unsere Handybewegungsprofile wurden zum Wohle der Allgemeinheit überwacht.

Die Tage vergingen erstaunlich gut mit Routinen, Kochen, Spielen und v.a. Masken nähen. Das war nämlich das Nächste – am 30. März wurde eine bundesweite Maskenpflicht erlassen – also doch Masken! – Aber keiner wußte, woher er/sie diese verdammten Masken hernehmen sollte. Es war schlicht nichts dergleichen mehr zu bekommen, nachdem einige wenige diese weggehamstert hatten. Also blieb nur DIY.

Im Internet kursierten bald verschiedenste Anleitungen wie man Stoffmasken selber herstellen kann. Auch erhielt ich einen Tipp von einer Freundin und tauschte mich mit meiner Schwester in München aus, die ebenfalls seit geraumer Zeit wie verrückt Masken nähte. So entstand unsere eigene Maskenwerkstatt – fast eine kleine Manufaktur. An die 50 Stück haben wir sicher hergestellt.

Derweil dachten wir uns Titel für historische Romane aus, z.B. „Die Maskenmacherin von St.Veit“, und als Fortsetzung dann „Die Tochter der Maskenmacherin“. Man muß dazu sagen, daß beim Maskenmachen Improvisationstalent gefragt war: Als Draht für das Nasenstück verwendeten wir alten Blumendraht vom Adventskranz. Stoffreste von der Oma und alte Bundesheer-Hosen taten ihr Übriges.

Stoffe gab es sonst nur noch online, da Stoffgeschäfte vom Lockdown betroffen waren. Gummizug war eine Rarität geworden und wurde gehandelt wie weißes Gold. In keinem offenen Geschäft war er mehr zu bekommen, und selbst über Amazon dauerte es wochenlang. Selbst wenn man Nähzubehör zu Hause hatte, stieß man irgendwann an seine Grenzen.

Die Leute rissen sich um die wenigen käuflichen Masken auf dem Bauernmarkt. Firmen und die letzten Schneider des ganzen Landes wurden aufgerufen, ja, bekniet, doch welche herzustellen, und es war ein gutes Gefühl, zu wissen, daß es mittlerweile regionale Betriebe, sogar in der eigenen kleinen Stadt gab, die diese produzierten. Selbst die Trachtenschneiderin in unserem Haus nähte zeitweise nur noch Masken. Auch über jedes in einer Schnapsbrennerei fabrizierte Desinfektionsmittel jubelte man, und das ganz zu Recht! Selbst verschuldeter Notstand oder Naturgewalt – auf eine Pandemie war man nicht eingerichtet.

Nun dämmerte es den Verantwortlichen, daß die Verlegung von derartigen Produktionsstandorten nach Asien aus finanziellen Gründen ein massiver Fehler gewesen war: Im Frühling 2020 gab es so gut wie keine Schutzvorkehrungen gegen Corona – weder genügend Masken, noch Desinfektionsmittel, oder Schutzkleidung für Ärzten und Pflegepersonal.

Man hätte durchaus wesentlich besser vorbereitet sein können und sollen. Auch hatte das Szenario „Pandemie“ ganz oben auf der Liste der sogenannten resilienzgefährenden Extremereignisse „mit zunehmender Eintrittswahrscheinlichkeit“ (1) gestanden, gleich hinter dem Szenario „Blackout“, auf das man sich durchaus vorbereitet. Nachzulesen in der Sicherheitspolitischen Jahresvorschau des Österreichischen Bundesheeres für 2020, erschienen im Herbst 2019 (2).

Dieses Szenario musste den Verantwortungsträgern bekannt gewesen sein, „Pandemie“ hatte man aber offensichtlich trotzdem nicht auf dem Radar gehabt. Wie auch Sylvia-Carolina Sperandio schreibt: „[D]ie Sicherheitsvorsorge im Bereich der Pandemierisiken [muss] als unzureichend beurteilt werden.“ (3). Die später als „Angstmache“ bezeichneten Reaktionen der Politik hätten also im Vorhinein vermieden oder zumindest reduziert werden können.

Trotzdem sind Details einer Pandemie natürlich unvorhersehbar, wie auch deren genauer Verlauf. Behördliche Covid-Tests waren z.B. letztes Jahr nicht frei zugänglich und Selbsttests teuer. Auch dauerte deren Auswertung sehr lange. Von einer Impfung ganz zu schweigen. Und man wußte nicht besonders viel über die Erkrankung – wie sie genau übertragen wird, wie sie verlaufen kann und wie man Heilung begünstigt. So mußten zur Bekämpfung von Covid-19 ganz neue Strukturen, neue Verfahren, ja eine neue Impfung aus dem Boden gestampft werden. Wahrlich eine Herkulesaufgabe.

Unsere Familie kommunizierte jetzt vom Balkon aus. Freunde, auch Kindergartenfreunde meines Sohnes kamen immer wieder dort vorbei, was uns sehr aufbaute. Wobei wir auch feststellen mußten, daß es nicht das selbe ist, wie sich ganz normal zu treffen. Das Gleiche traf auch auf Skypen mit den Großeltern zu.

Ostern war gedrückte Stimmung, obwohl wir versuchten, das Beste aus der Situation zu machen. Von Familienfeiern war strikt abgeraten worden, kommen hätte eh keiner, nicht von Deutschland über die Grenze, und untergebracht hätten wir sie ohnehin nicht alle, da ja die Hotels geschlossen hatten. Trotzdem versuchten wir, die Osterbotschaft zu uns in die Wohnung zu holen.

Auch meinen Geburtstag verbrachte ich in Quarantäne. Das war natürlich wenig spaßig, aber zu meiner großen Freude brachte Freunde eine Torte und ein Blumengesteck vorbei und legten es vor unserer Türe ab. DANKE!!! Vorher hatte ich mir noch mit einer alten Backmischung einen Schnellkuchen zusammengequirlt.

Noch immer bin ich den netten Billa-Verkäuferinnen dankbar, die uns den Einkauf über’s Telefon zusammenstellten und den Freunden, die uns die Sachen vorbeibrachten. DANKE!!!

Positive Dinge

Als wir endlich wieder rausdurften, war das ein ganz komisches Gefühl. Wirklich wie die Entlassung aus dem Knast. Ich war es gar nicht mehr gewöhnt, weit zu gehen und so viele Eindrücke gleichzeitig zu sammeln. Es war wie ein kleines Wunder. Wir unternahmen ausgedehnte Wanderungen und genossen so die Schönheit der Natur Mittelkärntens.

Über uns spannte sich ein kondenzstreifenfreier Himmel – ein Bild, das sicher Generationen nicht mehr gesehen hatten. Ich kam mir schon vor wie Goethe oder Caspar David Friedrich. Auch empfand ich es sehr wohltuend, daß so wenige Autos fuhren, rasten, stanken und lärmten.

Ja, es gab auch positive Dinge im 1. Lockdown: Die Ruhe, die Verlangsamung, die Rückkehr der Natur gehörten dazu.

An der Brennergrenze zum Beispiel war der rauschende Verkehrs-Strom nunmehr zu einem tröpfelnden Rinnsal geworden. Viele sonst sehr belebte Orte glichen durch den Lockdown nun Geisterstädten, und überall las man nun von Wildtieren, die nonchalant durch menschenleere Straßen spazierten, seltenen Vögeln, die zurückkamen etc.

Viral gingen dabei die Delphine in der Lagune von Venedig, angelockt durch das immer klarer werdende Wasser, die auch vielfach parodiert wurden.

Man hoffte, die Natur werde sich erholen, und sah auch, wie schnell sie sich ihr Reich zurückerobern kann ohne Eingreifen des Menschen – wie schnell es gehen könnte, wenn man wollte.

Große Hoffnung wurde auch in eine Verlangsamung des Klimawandels gesetzt, gestützt durch viele Berichte von Abnahme der Stickoxide bis zu Reduktion des CO2-Austoßes. Leider sollte die Freude nur von kurzer Dauer sein, denn mit Wiederhochfahren der Wirtschaft, sei es in Asien, Europa oder Amerika, gerieten diese positiven Effekte ins Hintertreffen.

Sozialer Zusammenhalt

Ein anderer positiver Aspekt des 1. Lockdowns betraf das Zwischenmenschliche. Man merkte einen großen sozialen Zusammenhalt in der Bevölkerung und breite Unterstützung für die Maßnahmen der österreichischen Bundesregierung, die trotz aller Fehler wesentlich früher auf Covid-19 reagierte als manche andere Länder.

Daher gab es, zumindest zeitweise, einen breiteren Dialog zwischen Bevölkerung und Exekutive als heute, die Wiener Polizei spielte sogar „I am from Austria“, aus Solidarität mit den zuhause gebliebenen Bürgern. Ein so ganz anderes Bild als die gegenwärtigen Corona-Demos.

In Erinnerung geblieben ist auch das Klatschen, zu bestimmten Uhrzeiten für bestimmte Personengruppen (Ärzte, Pflegepersonal etc.) – wie sinnvoll das auch immer war, und wie viel die betreffenden Berufsgruppen wirklich davon hatten. Man kann es sich mit solchen Handlungen sehr einfach machen, und Gehaltserhöhungen und wirkliche Verbesserungen der Arbeitsbedingungen ersparen.Trotzdem stellte es zumindest eine gewisse Wertschätzung für diese Menschen dar.

Ja, und es gab die„Balkonkonzerte“, vielleicht nach italienischem Vorbild. Vor allem in der Zeit vor Ostern spielte bei uns immer ein Nachbar zu einer bestimmten Zeit, ich glaube 18:00, auf der Trompete das geistliches Lied „Heilges Kreuz sei hochverehret“. Mein Mann sang einen Pest-Choral aus dem Fenster. Die Pestsäule auf dem Hauptplatz bekam plötzlich wieder eine ganz neue Bedeutung….

An vielen Orten entwickelten sich Nachbarschaftshilfe und Solidarität mit Menschen in schwierigen Situationen. So gründete sich ziemlich rasch die facebook-Plattform „Ortshilfe St.Veit“, wo viele Leute ihre Hilfe anboten, sei es, um für alten oder gefährdete Menschen einzukaufen, oder Menschen in Quarantäne zu unterstützen.

In St.Veit tauchten plötzlich alternative Strukturen auf, wo dies vorher unmöglich erschienen war, und man nur auf Granit gebissen hatte. Ein gutes Beispiel dafür ist der Verein „together“, der u.a. Foodsharing anbietet, also das Teilen von geretteten Lebensmitteln, Essen das von Supermärkten sonst weggeschmissen würde, obwohl es noch genießbar ist.

Da Tafel und Sozialmärkte in Kärnten aus Angst vor Ansteckung mit Corona geschlossen hatten, machte der Verein „together“ in St.Veit kurzerhand einen sogenannten „food-sharing point“ auf. Zunächst ein bißchen improvisiert im alten Feuerwehrhaus. Im Gegensatz zu anderen Hilfsorganisationen, bei denen man bestimmte Berechtigungsscheine über Einkommensgrenzen vorweisen muß, war und ist jeder bei „together“ willkommen, da man hier Essen rettet, das sonst weggeworfen würde.

Für ganz Bedürftige stellte „together“ im Lockdown sogar eigens Essenskisterln zusammen und lieferte diese auch noch aus! Dieser Verein übernahm also Aufgaben, die eigentlich staatliche Stellen übernehmen hätten sollen!!! Hier noch einmal meine Hochachtung vor den vielen Helfer/innen!!!

So war es dann auch eine unserer Beschäftigungen geworden, am Mittwoch zum alten Feuerwehrhaus zu gehen. Da jeweils nur eine Person die Lokalität betreten durfte, bildeten sich lange Schlangen. So kam man ein bißchen ins Plaudern mit den Leuten, darunter Freunde und Bekannte.

Manche gingen aus Neugier hin, und Solidarität, damit kein Essen weggeschmissen wird, auch um mal rauszukommen aus der Bude.

Aber was sich immer mehr zeigte war, daß viele Menschen kamen, weil sie tatsächlich wenig Geld zur Verfügung hatten, auch Menschen, die sonst nicht zur Tafel o.ä. gegangen waren. Sie hatten vielleicht ihren Job verloren oder waren auf Kurzarbeit. Hier offenbarte sich eine der Schattenseiten des Lockdowns – die soziale Krise, der noch eine psychische folgen sollte.

(1) vgl.Sylvia-Carolina Sperandio: „Sicherheisrisiko Pandemie“, in: Sicher. Und Morgen? Sicherheitspolitische Jahresvorschau 2020. Direktion für Sicherheitspolitik, Wien 2019, S.220.

(2) https://www.bundesheer.at/wissen-forschung/publikationen/beitrag.php?id=3311

(3) ebd. 219.

(Fortsetzung folgt!)

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Der Moment als der Schalter umgelegt wurde – der erste Lockdown (Teil 1)

Foto: Betty Quast

Jetzt ist wieder Frühling. Und die Geschäfte sind offen, die Menschen lechzen nach den ersten Sonnenstrahlen und nach einem ersten Eis. Man möchte gar nicht meinen, was letztes Jahr geschah.

Vor gut einem Jahr, genauer gesagt am 16.3.2020, begann der erste Lockdown im Zuge der Corona-Pandemie – etwas Unvorstellbares, noch nie Dagewesenes, das unser Leben in seinen Grundfesten erschütterte und für immer verändern würde.

Es war der Sprung von „normal“ (oder was man landläufig dafür hielt), hin zu Krisenmodus, der sich in manchen Fällen sogar als kriegsähnlicher Modus präsentierte, oder den man als solchen wahrnahm.

Es war der Moment, als der Schalter umgelegt wurde.

Unser aller Selbstverständnis wurde auf den Kopf gestellt. Von unbegrenzten Freiheiten plötzlich zum totalen Lockdown, Ausgangsbeschränkungen, Grenzschließungen, Maskenpflicht, Kontrollen.

Hätte uns das 2019 ein Wahrsager prophezeit – hätten wir es für möglich gehalten? Niemals. Reines SciFi! Und nun befanden wir uns mitten in einem Alptraum, in einem falschen Film, der offenbar kein Ende nahm, oder wie es eine Freundin von mir ausdrückte: „Wir leben in einer Dystopie“.

An der Uni hatten wir zusammen dystopische Literatur analysiert, wie George Orwells „1984“ oder „A Handmaid’s Tale“ von Margaret Atwood. Fiktionen. Wer hätte gedacht, sich plötzlich selbst in dieser Art von Szenario wiederzufinden, und daß dieses nicht einfach eine düstere Vision, sondern tatsächlich bitterer Ernst sein könnte?

Und was macht das mit einem?

Sicher war erst einmal die Fassungslosigkeit da.

Geht das überhaupt? Darf das sein? Ist das überhaupt real?

Anfangs hieß es noch, man solle sich nur gut die Hände waschen. Masken schienen übertrieben (auch wenn sie manche schon horteten). Das trugen schließlich nur die Asiaten, die in ihren Megastädten ein bißchen übersensibel waren, und bei denen Masken sowieso zur Höflichkeitskultur gehörten. Bei uns doch nicht.

In den Medien tauchten erste Berichte aus China auf, geheimes Bild- und Videomaterial, von Menschen, die auf Balkonen nach Rettungswagen schreien, Krankenhausmitarbeitern, die am Durchdrehen sind, weil sie die schieren Mengen der Coronapatienten nicht mehr bewältigen können und/oder schon selbst infiziert sind. Von menschenleeren, von Armee und Polizei abgeriegelten Städten.

Bald schon kam dieses Bildmaterial aber aus Italien – von Wartenden Infizierten außerhalb der Krankenhäuser, von Triagezelten, von Särgen, die von Armeefahrzeugen abtransportiert werden müssen, weil es einfach zu viele sind. Särge, die kaum noch in Kirchen hineinpassen und seitenweise Sterbeanzeigen in Zeitungen.

Die Einschläge kamen immer näher, wie Bomber, die zuerst über weit entfernte Länder flogen, sich aber langsam aber sicher immer mehr der eigenen Heimatstadt näherten. Bei uns gab es sowas zum Glück noch nicht. Konnte es auch nicht geben. Oder doch?

Nun tauchten erste Infizierte in Tirol auf, dann kam Ischgl und das Kitzloch, und plötzlich war das Coronavirus in ganz Österreich nachweisbar, waren die Bomber auch über dem eigenen Städtchen, um ihre verderbliche Ladung abzuwerfen. Den einen traf es, den anderen nicht, man hatte gefühlsmäßig kaum Einfluß darauf.

Lang vergessen geglaubte transgenerationelle Traumata des 2. Weltkrieges wurden angetriggert, stiegen aus dem kollektiven Unterbewußtsein ganzer Nationen auf. Ausgangssperren, Einschränkungen der Freiheitsrechte, Hamstern, martialisches Auftreten der Exekutive – das kannte man aus den Erzählungen über den 2. Weltkrieg und die Nachkriegszeit, und das machte Angst. Bestenfalls roch es ein bißchen nach Abenteuer.

Ausgangssperre und Hamstern

Am Freitag, dem 13. März, wie passend, ging das Gerücht um, es würde in der folgenden Woche eine Ausgangssperre geben, obwohl die Regierung dies vehement dementierte. Ferner hörte ich, die Polizei werde Supermärkte sichern. Dort sei nämlich eine regelrechte Schlacht nach Lebensmitteln ausgebrochen, selbst Kartoffeln seien kaum noch zu bekommen. Ich solle mich schleunigst dort hinbegeben, um noch etwas abzubekommen.

Ausgangssperren – davon hatten meine Mutter und meine Oma erzählt, die Bombenkrieg wie Nachkriegszeit in Wien erlebt hatten. Da durfte man nach einer bestimmten Uhrzeit nicht auf der Straße erwischt werden, sonst kamen Russen und steckten einen sonstwohin.

Und Hamstern, das gab es ebenfalls nach dem Krieg – man ging oder fuhr auf’s Land und verscheuerte seinen letzten Familienschmuck, um noch etwas Brot, Milch oder Butter zu ergattern.

Es fühlte sich unwirklich an, als ich mich also auch auf den Weg machte in das große Getümmel. Die Autofahrer fuhren aggressiver als sonst. So schlimm konnte es doch auch wieder nicht sein, hoffte ich. Aber jeder raffte jetzt in seinen Einkaufswagen, was er oder sie bekommen konnte, vor allem Nudeln, Mehl, Dosen, Küchenrolle und Klopapier. Also reihte ich mich ebenfalls ein in die Kolonne der Hamsternden und tat das Gleiche, um nicht unterzugehen. Eine Frau vor mir schnappte mir die letzte Packung günstiges Klopapier vor der Nase weg.

Meinen damals 4-jährigen Sohn hatte ich lieber zuhause vor dem Bildschirm gelassen, der Kindergarten war zwar noch offen, aber nicht mehr empfohlen. Mann war auch keiner da, der riegelte gerade Sölden ab.

Ich fand mich als Frau eines Soldaten wieder, der gerade im Krisenherd Tirol im Einsatz war. Ich selbst hatte, mit Kind, die Heimatfront zu halten, für die es auch weder Ehrungen, Medaillien, Vergütungen, ja, nicht mal ein Dankeswort gibt. Ein archetypisches Bild, auf das ich allerdings wenig Bock hatte und habe. Na toll. Sollte so mein neues Leben aussehen?

Aber was half es! In diesem Rollenmuster würde ich mich fortan irgendwie einrichten müssen. Dafür typisch auch die Angst davor, daß der Mann nicht heil aus dem Einsatz wiederkehrt. Zwar herrschte kein herkömmlicher Krieg, dafür bestand die reale Gefahr einer schweren Erkrankung, über die man noch fast nichts wußte.

Ich fragte mich, wie hatten es eigentlich die Frauen damals überhaupt ausgehalten?! Dabei konnte ich mich nicht mal an meinen beiden Omas orientieren und festhalten, da beide ihrer Männer gar nicht in den Krieg ziehen hatten müssen. Sie waren beide als unabkömmlich ausgewiesen gewesen, der eine als Gärtner, der andere als Bauer.

Als der Lockdown losging, sagte ich zu meinem Mann am Telefon: „Jetzt kann man nicht mehr raus“ und heulte. Unser Sohn schrie in der Nacht auf – sicher spürte auch er, daß er einem Ereignis ausgesetzt war, das sein Leben verändern würde, und das nicht unbedingt zum Besseren. Anfangs hieß es ja noch „Die Geschäfte und Lokale bleiben 2 Wochen geschlossen. Wer das wirklich glaubte, mußte ein Naivling sein.

Doch es würde sich auch zeigen, wie wir alle mit den Ausgangsbeschränkungen leben lernen würden, – denn eine waschechte Ausgangssperre war es immerhin zum Glück nicht!

Als mein Mann von Kärnten nach Innsbruck gefahren war, wir uns in Villach verabschiedet hatten, und er meinte „Wir sehen uns in 5 Tagen“ klang das so unwirklich und unglaubwürdig wie der „Zu Weihnachten sind wir wieder zuhause“-Sager zu Beginn des 1. Weltkrieges. Wir hatten beide ein mulmiges Gefühl.

Am Bahnhof hielten sich nur noch ganz wenige Leute auf, jeder hatte schon Angst vor Ansteckung. Die Cafés waren zwar noch geöffnet, doch die Railjets fuhren längst nicht mehr weiter nach Italien.

Aus den 5 Tagen wurden 2 Wochen. Das klingt jetzt nicht wirklich lang, aber angesichts der Ungewissheit, die zu der Zeit herrschte und der sich ständig ändernden Lage – jeden Tag konnte eine neue Hiobsbotschaft, eine neue Regierungserklärung verkündet werden – kam es mir wie eine Ewigkeit vor. Zudem hieß es bald, mein Mann solle seinen Assistenzeinsatz verlängern, da Soldaten in Tirol jetzt mehr denn je gebraucht wurden.

Auch gab es keinen „Heimaturlaub“ mehr: Ganz Tirol war schon wenig später, am 19.3., unter Quarantäne gestellt worden. Die Soldaten mußten daher ebenfalls „zuhause“ bleiben, in der Kaserne nämlich, außer für dienstliche Verpflichtungen natürlich.

Zum Glück konnte mein Mann sich aber, als Milizsoldat, zu Einsatzende loseisen und doch zu uns zurückkehren. Darüber bin ich heute noch sehr froh. Das bedeutete aber auch, daß wir alle drei ab seiner Ankunft in Kärnten für 14 Tage in Quarantäne gehen mußten, da Tirol ja nun Risikogebiet war.

Vorher hieß es für mich nochmal auf Einkaufstour gehen, alles alleine, mit dem Rad oder zu Fuß, wohlgemerkt. Was braucht man alles in 2 Wochen? Würde es ausreichen? Und was würden wir machen, wenn nicht? Solche Gedanken gingen mir im Kopf herum.

(Fortsetzung folgt!)

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Wien nach dem Anschlag

Im 2. Lockdown war ich in Wien, aus familiären Gründen. Aber auch, um meiner Trauer und meinem Entsetzen nach dem Anschlag Raum zu geben und die Gedenkorte zu besuchen, dort Kerzen anzuzünden. Das war mir seit Wochen ein Bedürfnis gewesen, seitdem der Anschlag passiert ist. Der hatte mich ziemlich mitgenommen, kenne ich die Gegend doch seit meiner Kindheit. Da meine Mutter aus Wien stammte, besuchten wir hier oft die Oma, fast alle Ferien verbrachten wir hier. Der erste Bezirk war dabei so eine Art Spielplatz für mich und meine Schwester. Meine Oma wohnte in der Hollandstraße, im 2. Bezirk, auf der anderen Seite des Donaukanals. Daher mußte man nur über die Salztor- oder die Marienbrücke gehen, und schon war man am Franz-Josefs-Kai, bei der Ruprechtskirche, am Schwedenplatz und in der Rotenturmstraße. In den kleinen Gässchen der Innenstadt gingen wir auf Entdeckungsreise.

Schon im späteren Volksschulalter ließ uns meine Mutter alleine im Ersten frei herumlaufen, was man heute vielleicht nicht mehr so machen würde. Erst am Abend kamen meine Schwester und ich gewöhnlich nach Hause, mit Taubenfedern in der Hand und sonstigen Dingen, die wir auf der Straße gefunden hatten, nicht immer zur Freude der Erwachsenen.

Jedenfalls bin ich schon so oft da langgegangen, ganz viele Erinnerungen sind damit verbunden, die Orte sind mir so vertraut. Und genau dort passierte dann dieser Anschlag, der 5 Menschenleben kostete, der so viele verletzte und traumatisierte. Daher war ich sehr froh, als es sich ergab, daß ich schließlich doch nach Wien fahren konnte, trotz Lockdowns, um diese Orte, die nun zu Tatorten und Gedenkorten geworden waren, aufzusuchen und dort zu trauern.

Ich hatte extra mein Radl in den Railjet mitgenommen, um die Öffis nicht benutzen zu müssen, und mich extra warm angezogen. Der Hauptbahnhof war leer, alle Geschäfte und die meisten Imbisse geschlossen, erstaunlicherweise keine Polizei zu sehen. Ich fuhr also zuerst nach Favoriten hinein, um die familiäre Angelegenheit zu regeln. Danach in den ersten Bezirk, zu eben diesen besagten Orten. Es war sehr bewegend. All die Kerzen, an den verschiedenen Stellen, wo vier Menschen wahllos ihr Leben lassen mußten (und andere zu Helden wurden).

Da der Wirt des chinesischen Restaurants, das er die letzten Jahre mühsam aufgebaut hatte, an dem noch die Einschußlöcher sichtbar sind; dort die Lokalbesucherin gegenüber der Synagoge, die sich, laut Schwester, wohl eher mit dem Täter über dessen Probleme unterhalten hätte, als diesen zu beschimpfen; die deutsche Kellnerin, die eigentlich Kunst studierte, und sich was dazuverdienen wollte; und dann auch noch der jungen Mann ungefähr gleichen Alters wie der Täter, der ironischerweise auch noch denselben Migrationshintergrund aufwies. An jedem Tatort Kerzen über Kerzen, vereinzelt auch Blumen, Botschaften in verschiedenen Sprachen, auch auf Arabisch.

Man merkte, das nimmt die Leute immer noch mit. Immer wieder blieben welche stehen, redeten, gedachten in Stille. Ebenfalls präsent – Militärpolizei, schwer bewaffnet. Zwei standen gegenüber der Ruprechtskirche, ein ganzer Trupp ging dann auch Streife, marschierte mit Sturmgewehren die Stiegen hinunter. Schon heftig, das kannte man bisher nicht von Wien. Oder doch?

Polizisten vor der Synagoge, ja, traurigerweise. Mir fielen auch die Cobra-Beamten ein, an denen ich als kleines Mädchen regelmäßig beim alten OPEC-Haus am Donaukanal vorbeigegangen war, immer mit einem gewissen Gruseleffekt und einer Irritation. Es hatte einmal einen terroristischen Anschlag in Wien gegeben, sagten die Erwachsenen.

So schrecklich und überraschend jene Geiselnahme von 1975 mit einem Todesopfer wohl gewesen war – der Anschlag am 2. November hat für mich ein neues Level des Terrors erreicht. Der Attentäter von 2020 zielte auf x-beliebige Menschen, nicht um etwas zu erpressen, sondern allein um zu töten. Er hätte auch noch weitere Leute erschossen, wäre er nicht so schnell überwältigt worden. Der Islamist hatte es auf die Allgemeinheit abgesehen, auf unsere Lebensweise in ihrer Vielfalt, und hat das pulsierende Herz der Stadt getroffen.

Ich ging auch zu der Stelle, an der der Täter erschossen wurde. In den Nachrichten hatte es immer geheißen, „auf den Stiegen zur Ruprechtskirche“. Tatsächlich war es aber unten, am Ruprechtsplatz, unterhalb der Kirche. Ein großes Kreuz ist hier von der Polizei auf den Boden gesprayt worden. Ein Kreuz für den IS-Sympathisanten, so hatte er sich das wohl nicht vorgestellt. In der Nähe auch dort Kerzen, wenn auch nicht so viele. Und an eine Hausmauer gepickte Blätter mit Fragen, Überlegungen. Warum.

Trotz all der Trauer – man merkte in Wien ein ganz eigenes, ungewohntes Gefühl, auch weil keine Touristen unterwegs waren, ein heimeliges. Wien unter sich, und Wien steht zusammen. Das war irgendwie sehr schön. Ich fuhr mit dem Rad dann noch hinüber in den 2., zum Karmelitermarkt, wo ich als Kind auch sehr oft war, weil meine Oma da immer eingekauft hat. Marktbetrieb war jetzt natürlich keiner, dafür diente der große Platz nun offensichtlich als Rollerparadies für Kinder. Auch Buben mit Beikeles sausten vorbei, so wie ich es schon als Kind in der Leopoldstadt erlebt hatte. Eltern unterhielten sich derweil am Rande und kauften sich ein warmes Getränk beim Bäcker, der zum Glück noch geöffnet hatte. Es dämmerte schon, und in den Fenstern tauchte Weihnachtsbeleuchtung auf, die aber nicht überkanditelt war. Das alles hatte etwas sehr Gemütliches. Ich habe mich sehr wohl gefühlt, trotz des traurigen Anlasses.

Und selbst wenn eine Randalierin die Kerzen kurz darauf umgeschmissen hat, – die Würde der Trauer konnte sie nicht wegwischen.

Alle Fotos: Betty Quast

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„Almenrausch“ in St.Veit/Glan

Kaum aus Innsbruck zurück, durfte ich in St.Veit/Glan mein 2. Buch „Almenrausch“ präsentieren, beim „Erzählcafé“ der katholischen Pfarrgemeinde. Danke an Helga Leber für die Organisation, Thomas Moritz für die einleitenden Worte, sowie Doris Amon und Martha Prommer für die stimmungsvolle musikalische Begleitung!

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Fotos von „Almenrausch“ in Innsbruck

Bei der Künstlervereinigung „Turmbund Innsbruck“ hatte ich Ende Juni Gelegenheit, mein neues Buch „Almenrausch. Drei Versuche“ vorzustellen.

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