Der Moment als der Schalter umgelegt wurde – der erste Lockdown (Teil 1)

Foto: Betty Quast

Jetzt ist wieder Frühling. Und die Geschäfte sind offen, die Menschen lechzen nach den ersten Sonnenstrahlen und nach einem ersten Eis. Man möchte gar nicht meinen, was letztes Jahr geschah.

Vor gut einem Jahr, genauer gesagt am 16.3.2020, begann der erste Lockdown im Zuge der Corona-Pandemie – etwas Unvorstellbares, noch nie Dagewesenes, das unser Leben in seinen Grundfesten erschütterte und für immer verändern würde.

Es war der Sprung von „normal“ (oder was man landläufig dafür hielt), hin zu Krisenmodus, der sich in manchen Fällen sogar als kriegsähnlicher Modus präsentierte, oder den man als solchen wahrnahm.

Es war der Moment, als der Schalter umgelegt wurde.

Unser aller Selbstverständnis wurde auf den Kopf gestellt. Von unbegrenzten Freiheiten plötzlich zum totalen Lockdown, Ausgangsbeschränkungen, Grenzschließungen, Maskenpflicht, Kontrollen.

Hätte uns das 2019 ein Wahrsager prophezeit – hätten wir es für möglich gehalten? Niemals. Reines SciFi! Und nun befanden wir uns mitten in einem Alptraum, in einem falschen Film, der offenbar kein Ende nahm, oder wie es eine Freundin von mir ausdrückte: „Wir leben in einer Dystopie“.

An der Uni hatten wir zusammen dystopische Literatur analysiert, wie George Orwells „1984“ oder „A Handmaid’s Tale“ von Margaret Atwood. Fiktionen. Wer hätte gedacht, sich plötzlich selbst in dieser Art von Szenario wiederzufinden, und daß dieses nicht einfach eine düstere Vision, sondern tatsächlich bitterer Ernst sein könnte?

Und was macht das mit einem?

Sicher war erst einmal die Fassungslosigkeit da.

Geht das überhaupt? Darf das sein? Ist das überhaupt real?

Anfangs hieß es noch, man solle sich nur gut die Hände waschen. Masken schienen übertrieben (auch wenn sie manche schon horteten). Das trugen schließlich nur die Asiaten, die in ihren Megastädten ein bißchen übersensibel waren, und bei denen Masken sowieso zur Höflichkeitskultur gehörten. Bei uns doch nicht.

In den Medien tauchten erste Berichte aus China auf, geheimes Bild- und Videomaterial, von Menschen, die auf Balkonen nach Rettungswagen schreien, Krankenhausmitarbeitern, die am Durchdrehen sind, weil sie die schieren Mengen der Coronapatienten nicht mehr bewältigen können und/oder schon selbst infiziert sind. Von menschenleeren, von Armee und Polizei abgeriegelten Städten.

Bald schon kam dieses Bildmaterial aber aus Italien – von Wartenden Infizierten außerhalb der Krankenhäuser, von Triagezelten, von Särgen, die von Armeefahrzeugen abtransportiert werden müssen, weil es einfach zu viele sind. Särge, die kaum noch in Kirchen hineinpassen und seitenweise Sterbeanzeigen in Zeitungen.

Die Einschläge kamen immer näher, wie Bomber, die zuerst über weit entfernte Länder flogen, sich aber langsam aber sicher immer mehr der eigenen Heimatstadt näherten. Bei uns gab es sowas zum Glück noch nicht. Konnte es auch nicht geben. Oder doch?

Nun tauchten erste Infizierte in Tirol auf, dann kam Ischgl und das Kitzloch, und plötzlich war das Coronavirus in ganz Österreich nachweisbar, waren die Bomber auch über dem eigenen Städtchen, um ihre verderbliche Ladung abzuwerfen. Den einen traf es, den anderen nicht, man hatte gefühlsmäßig kaum Einfluß darauf.

Lang vergessen geglaubte transgenerationelle Traumata des 2. Weltkrieges wurden angetriggert, stiegen aus dem kollektiven Unterbewußtsein ganzer Nationen auf. Ausgangssperren, Einschränkungen der Freiheitsrechte, Hamstern, martialisches Auftreten der Exekutive – das kannte man aus den Erzählungen über den 2. Weltkrieg und die Nachkriegszeit, und das machte Angst. Bestenfalls roch es ein bißchen nach Abenteuer.

Ausgangssperre und Hamstern

Am Freitag, dem 13. März, wie passend, ging das Gerücht um, es würde in der folgenden Woche eine Ausgangssperre geben, obwohl die Regierung dies vehement dementierte. Ferner hörte ich, die Polizei werde Supermärkte sichern. Dort sei nämlich eine regelrechte Schlacht nach Lebensmitteln ausgebrochen, selbst Kartoffeln seien kaum noch zu bekommen. Ich solle mich schleunigst dort hinbegeben, um noch etwas abzubekommen.

Ausgangssperren – davon hatten meine Mutter und meine Oma erzählt, die Bombenkrieg wie Nachkriegszeit in Wien erlebt hatten. Da durfte man nach einer bestimmten Uhrzeit nicht auf der Straße erwischt werden, sonst kamen Russen und steckten einen sonstwohin.

Und Hamstern, das gab es ebenfalls nach dem Krieg – man ging oder fuhr auf’s Land und verscheuerte seinen letzten Familienschmuck, um noch etwas Brot, Milch oder Butter zu ergattern.

Es fühlte sich unwirklich an, als ich mich also auch auf den Weg machte in das große Getümmel. Die Autofahrer fuhren aggressiver als sonst. So schlimm konnte es doch auch wieder nicht sein, hoffte ich. Aber jeder raffte jetzt in seinen Einkaufswagen, was er oder sie bekommen konnte, vor allem Nudeln, Mehl, Dosen, Küchenrolle und Klopapier. Also reihte ich mich ebenfalls ein in die Kolonne der Hamsternden und tat das Gleiche, um nicht unterzugehen. Eine Frau vor mir schnappte mir die letzte Packung günstiges Klopapier vor der Nase weg.

Meinen damals 4-jährigen Sohn hatte ich lieber zuhause vor dem Bildschirm gelassen, der Kindergarten war zwar noch offen, aber nicht mehr empfohlen. Mann war auch keiner da, der riegelte gerade Sölden ab.

Ich fand mich als Frau eines Soldaten wieder, der gerade im Krisenherd Tirol im Einsatz war. Ich selbst hatte, mit Kind, die Heimatfront zu halten, für die es auch weder Ehrungen, Medaillien, Vergütungen, ja, nicht mal ein Dankeswort gibt. Ein archetypisches Bild, auf das ich allerdings wenig Bock hatte und habe. Na toll. Sollte so mein neues Leben aussehen?

Aber was half es! In diesem Rollenmuster würde ich mich fortan irgendwie einrichten müssen. Dafür typisch auch die Angst davor, daß der Mann nicht heil aus dem Einsatz wiederkehrt. Zwar herrschte kein herkömmlicher Krieg, dafür bestand die reale Gefahr einer schweren Erkrankung, über die man noch fast nichts wußte.

Ich fragte mich, wie hatten es eigentlich die Frauen damals überhaupt ausgehalten?! Dabei konnte ich mich nicht mal an meinen beiden Omas orientieren und festhalten, da beide ihrer Männer gar nicht in den Krieg ziehen hatten müssen. Sie waren beide als unabkömmlich ausgewiesen gewesen, der eine als Gärtner, der andere als Bauer.

Als der Lockdown losging, sagte ich zu meinem Mann am Telefon: „Jetzt kann man nicht mehr raus“ und heulte. Unser Sohn schrie in der Nacht auf – sicher spürte auch er, daß er einem Ereignis ausgesetzt war, das sein Leben verändern würde, und das nicht unbedingt zum Besseren. Anfangs hieß es ja noch „Die Geschäfte und Lokale bleiben 2 Wochen geschlossen. Wer das wirklich glaubte, mußte ein Naivling sein.

Doch es würde sich auch zeigen, wie wir alle mit den Ausgangsbeschränkungen leben lernen würden, – denn eine waschechte Ausgangssperre war es immerhin zum Glück nicht!

Als mein Mann von Kärnten nach Innsbruck gefahren war, wir uns in Villach verabschiedet hatten, und er meinte „Wir sehen uns in 5 Tagen“ klang das so unwirklich und unglaubwürdig wie der „Zu Weihnachten sind wir wieder zuhause“-Sager zu Beginn des 1. Weltkrieges. Wir hatten beide ein mulmiges Gefühl.

Am Bahnhof hielten sich nur noch ganz wenige Leute auf, jeder hatte schon Angst vor Ansteckung. Die Cafés waren zwar noch geöffnet, doch die Railjets fuhren längst nicht mehr weiter nach Italien.

Aus den 5 Tagen wurden 2 Wochen. Das klingt jetzt nicht wirklich lang, aber angesichts der Ungewissheit, die zu der Zeit herrschte und der sich ständig ändernden Lage – jeden Tag konnte eine neue Hiobsbotschaft, eine neue Regierungserklärung verkündet werden – kam es mir wie eine Ewigkeit vor. Zudem hieß es bald, mein Mann solle seinen Assistenzeinsatz verlängern, da Soldaten in Tirol jetzt mehr denn je gebraucht wurden.

Auch gab es keinen „Heimaturlaub“ mehr: Ganz Tirol war schon wenig später, am 19.3., unter Quarantäne gestellt worden. Die Soldaten mußten daher ebenfalls „zuhause“ bleiben, in der Kaserne nämlich, außer für dienstliche Verpflichtungen natürlich.

Zum Glück konnte mein Mann sich aber, als Milizsoldat, zu Einsatzende loseisen und doch zu uns zurückkehren. Darüber bin ich heute noch sehr froh. Das bedeutete aber auch, daß wir alle drei ab seiner Ankunft in Kärnten für 14 Tage in Quarantäne gehen mußten, da Tirol ja nun Risikogebiet war.

Vorher hieß es für mich nochmal auf Einkaufstour gehen, alles alleine, mit dem Rad oder zu Fuß, wohlgemerkt. Was braucht man alles in 2 Wochen? Würde es ausreichen? Und was würden wir machen, wenn nicht? Solche Gedanken gingen mir im Kopf herum.

(Fortsetzung folgt!)

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Eine Antwort zu Der Moment als der Schalter umgelegt wurde – der erste Lockdown (Teil 1)

  1. Tobias schreibt:

    Auch wenn ich mit der ganzen Situation ganz gut zurecht komme bin ich nachdenklich gestimmt. Es ist der Politik anzumerken, dass sie nicht aus ihrem Horizont heraus kommt und nicht ernsthaft reflektiert. Immer wieder kommen alte Ideen neu verpackt auf den Tisch. Es gibt einige Dinge, die ich vermisse. Aber das ist Luxus. Ich beobachte die Menschen und das erschreckt mich sehr. Mit Krisen kommen viele nicht zurecht. Auf Konsum und Freizeit zu verzichten fällt schwer. An andere zu denken, sie zu unterstützen liegt so machen fern.

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